Warum du froh sein kannst, keine Zeit zu haben

Für viele Menschen lebe ich in einer Traumwelt fernab der Realität.

Ich bin freiberufliche Übersetzerin und wohne auf Mallorca. Ich stehe auf, wann ich möchte, ich arbeite, wann ich möchte, ich kann spontan entscheiden, was ich aus dem Tag machen möchte. In die Berge fahren, am Strand liegen, malen, schreiben, lesen, nichts tun.

Letzteres ist die schwierigste Disziplin.

Viel Zeit führt zu Lustlosigkeit

Es ist absurd. Wenn ich keine Übersetzungsaufträge habe, fehlt mir oft auch die Lust zum Schreiben, Malen oder Lesen.

Vielleicht kennst du das. Solange du viel um die Ohren hast, fallen dir Tausend Dinge ein, die du machen möchtest. Dann kommt endlich das Wochenende oder der Urlaub und am Ende hockst du nur vorm Fernseher, liegst im Bett oder meinst, dass du die Zeit für den riesigen Hausputz nutzen musst.

Wenn ich viele Aufträge habe, bin ich plötzlich auch motivierter für die Sachen, die ich so liebe – Malen, Lesen, Schreiben, Nichtstun.

Zeit haben ist unbequem

Wenn ich jedoch wirklich nichts zu tun habe, sprich keine Verpflichtung, falle ich oft in ein Loch. Gedanken nutzen dieses Loch, um mich vollzuquatschen. Grübeleien marschieren durch meine Gehirngänge und metzeln alles nieder, das nach Lebendigkeit und Lust aussieht.

Jaime kennt das inzwischen von mir und fragt dann oft mit einem aufmunternden Lächeln: „Na, ist die Welt wieder scheiße? Alles sinnlos? La vida es una mierda?“

Ich nicke trübselig.

Wenn ich mich frage, warum andere Menschen, die in der „Realität“ leben, sich so energisch weigern, sich Zeit für sich zu nehmen, glaube ich, es ist ihr Schutzmechanismus, um nicht in einen solchen Strudel zu geraten.

Dann verstehe ich sie. Dann beneide ich sie sogar. Auch wenn ich das nie zugeben würde.

Die bequeme Illusion keine Zeit zu haben

Es ist natürlich viel einfacher, davon überzeugt zu sein, keine Zeit zu haben.

Die Vielbeschäftigten belächeln mich, wenn ich behaupte, jeder hätte die Wahl. Ich erscheine ihnen völlig weltfremd, da ich nicht verstehe, dass sie eben Verpflichtungen haben, eine Miete oder Hypothek bezahlen, Kinder ernähren müssen.

Ich zucke dann mit den Schultern und denke mir, ach, wenn die wüsten, dass sie es sind, die in der Illusion leben. Schließlich habe ich Zeit und kann trotzdem meine Miete zahlen und sterbe keinen Hungertod.

Mein Neid auf ihre bequeme Lebensweise voller Ablenkungen treibt mich dann zur Schadenfreude. Ich belächle sie zurück, ohne, dass sie es merken. Meine kleine geheime Genugtuung.

Ihr ganzes Weltbild ist eine Illusion, die so offensichtlich ist, dass sie ihnen wie ein Brett brutal vor den Kopf knallen würde, sobald sie innehielten.

Ohne, dass es ihnen bewusst wäre, nehmen sie sich keine Zeit, da sie sonst ihrem eigenen Schmerz, ihren ganzen Fragen im Kopf und einer finsteren Leere in ihrem Inneren gegenüber stünden.

Dann müssten sie sich eingestehen, dass sie sehr wohl die Wahl haben. Die Wahl wieder in ihren äußeren Stress zu flüchten oder sich dem Unbekannten in sich selbst zu stellen. Sich dem zu stellen hieße Nichtstun.

Was also wünscht du dir, wenn du mehr Zeit haben möchtest?

Wofür möchtest du mehr Zeit haben?

Ich fürchte, die meisten wissen darauf gar keine klare Antwort. Zum Schlafen wäre vielleicht eine gute Option. Das empfehle ich jedem, der genau weiß, dass er zu wenig schläft.

Doch darum geht es den meisten wohl nicht. Sie möchten mehr Zeit zum Erholen, ohne es im Schlaf zu verpassen. Sie möchten vielleicht Zeit zum Lesen, zum Sportmachen, zum Reisen, zum Schreiben?

Wenn es dir wirklich wichtig wäre, dann würdest du dir die Zeit nehmen.

Das beweisen Menschen wie Stephen King, der während seiner Arbeitszeit in der Wäscherei schrieb, der damals auch schon zwei Kinder und noch immer keinen Erfolg mit seinen Texten hatte.

Ich behaupte jetzt also einfach mal ganz frech, dass du keine Zeit hast, weil da nichts ist, wofür es sich lohnen würde, dir mehr Zeit zu nehmen.

Und selbst wenn du dir Zeit dafür nehmen würdest, würde sie dir ja wieder für andere Sachen fehlen, sprich du wieder zu dem Punkt kommen, an dem du den Eindruck hast, keine Zeit zu haben.

Ein Teufelskreis. Ein Teufelskreis, der uns zu der Erkenntnis bringt: Wir werden nie Zeit haben, solange wir immer etwas machen.

Es ist OK keine Zeit zu haben

Sprich, alles ist ok, so wie es ist. Du brauchst nur aufzuhören, zu glauben, es sei ein Problem, keine Zeit zu haben. Genieße es, keine Zeit zu haben. Das hält dich vom Grübeln ab.

Sei deinem Alltag dankbar, dass er dich von den existenziellen Fragen des Lebens schützt.

Nimm dein Leben an, wie es ist. Genieße die kleinen Momente in der U-Bahn oder im Auto zum Ausruhen, genieße den Kaffee am Morgen, ein Glas Rotwein am Abend, das lachende oder schlafende Kind. Erinnere dich in Stresssituationen daran, dass sie dir eben lieber sind als Nichtstun. Dass es deine Wahl ist und sie in Ordnung ist.

Vielleicht antwortet der ein oder andere auf die Frage, wofür er mehr Zeit möchte, aber auch spontan: Zum Leben.

Dann kommen wir zum Kern der Sache.

Denn leben tust du so oder so. Die ganze Zeit. Wenn du nun also den Eindruck hast, du hättest keine Zeit zum Leben, dann stimmt da etwas nicht.

Es geht also nicht um die Frage, Zeit zu haben oder nicht. Sondern darum, wie du dich wieder lebendig fühlen kannst. Wie du während all deiner Tätigkeiten merkst, dass du tatsächlich lebst.

Oberschlau wie ich mich hier präsentiere, habe ich natürlich auch darauf eine Antwort: Nichtstun.

Nach dem Schmerz kommt die Erkenntnis

Wenn ich mich dem Nichtstun freiwillig hingebe, entschlossen genug, den Grübeleien nicht auf den Leim zu gehen, sondern diese stattdessen zu beobachten, dann geschieht etwas Wunderbares.

Ich finde den Zugang zu meinen Gefühlen wieder. Oft kommt zuerst eine dumpfe Traurigkeit, so etwas wie Übelkeit und irgendwann Tränen. Manchmal kommt auch einfach eine Reaktion. Dann stehe ich ohne nachzudenken auf und mache etwas, das mir auf einmal sehr gut tut, ohne dass ich erklären könnte, warum. Abwaschen zum Beispiel. Oder joggen gehen. Oder ein Bier trinken gehen.

Sobald wir unseren Kopf in den Hintergrund rücken lassen (ausschalten halte ich für unmöglich und ist auch gar nicht nötig), kann unser Unterbewusstsein uns über Gefühle oder spontane Eingebungen genau so handeln lassen, wie wir es brauchen.

Das fühlt sich dann friedlich, frei und lebendig an. Doch es braucht Zeit und Ruhe.

Ich empfehle also jedem, der sich fragt, ob das Leben nicht noch mehr zu bieten hat, sich endlich die nötige Zeit zu nehmen. Zeit zum Nichtstun.

Was heißt das konkret?

Nichtstun lässt sich am besten in ungewohnten Situationen vollziehen.

Ich liebe es, mich einfach irgendwo auf den Boden zu legen. Ob draußen oder drinnen. Achte auf deine Atmung, auf deine Füße, Hände, lausche deinen Gedanken bewusst. Oder setze dich auf eine Parkbank, dein Sofa, einen Küchenstuhl, im Schneidersitz in den Flur. Sei kreativ.

Mache diese Übung jeden Tag, einmal pro Woche, so oft, wie du magst. Du entscheidest, wieviel Zeit du dir zum Leben nehmen möchtest. Fünf Minuten oder eine Stunde. Variiere. Sieh sie als Wohltat und beobachte bewusst, geduldig und neugierig, wie sich deine Wahrnehmung der Welt und des Lebens nach und nach ändert.

Erwarte keine Wunder. Es braucht seine Zeit. Gib nicht gleich auf, wenn sich nach einer Woche nichts an deiner Wahrnehmung ändert. Es geschieht ganz subtil und sanft.

Die ersten Auswirkungen fühlen sich vielleicht unangenehm an, weil natürlich einiges an die Oberfläche gelangt, das du ja bisher nicht zulassen wolltest. Du hattest ja einen Grund, dir keine Zeit zu nehmen.

Versuche dem Standzuhalten, weine, lass es raus, es lohnt sich. Es lohnt sich so sehr, dass ich am liebsten alle Menschen dazu zwingen würde, mal eine Zeit lang nichts zu tun, die ganze Bundesrepublik Deutschland gleichzeitig weinend in ihren Wohnzimmern, in den Parks und Bars sitzen sehen würde, damit wir alle erkennen, was uns wirklich wichtig ist, wieder mehr zu fühlen als zu denken.

Wieder zu leben, statt zu funktionieren.

Sobald wir in die bequeme Geschäftigkeit zurückrutschen, ist der Effekt allerdings weg. Das spüre ich regelmäßig am eigenen Leib. Deshalb schreibe ich diesen Artikel auch als Erinnerung an mich selbst, immer wieder bewusst nichts zu machen.

Sei es dir wert.


Über die Autorin

Elisa ist auch ein moderner Hippie und wohnt seit über drei Jahren auf Mallorca. Davor lebte sie neun Jahre in Frankreich. Ihre Auswandererfahrungen und ihr Hang zum Grübeln bescherten ihr viele Erkenntnisse zum Thema Glück und Erfüllung.

Auf ihrem Blog flohbair.com gibt sie dir praktische Anregungen und Denkanstöße, damit du dein Leben so gestaltest, dass es diesen Namen auch verdient. Zurzeit erfüllt sie sich den Traum, Schriftstellerin zu werden, und schreibt an ihrem ersten Buch: Eine Art spiritueller Krimi auf Mallorca.

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  1. Sandra 4 Monaten ago

    Hallo Evelin!
    Ich bin gerade über deinen Artikel gestolpert, habe mich zurückgelehnt und musste schmunzeln. 🙂

    „Leben statt zu funktionieren …“ schreibst du und genau dieses Gefühl ist mir vor Jahren abhanden gekommen!

    Ich beschloss zu leben – ein Bauchgefühl dem ich nachgab. Schwierig war es nur, es umzusetzen … das „Leben“. Plötzlich ist das vorhanden wonach man sich oft gesehnt hat – nämlich Zeit! Zeit für sich zu nutzen, für das wo die Zeit immer fehlte! Aber was machte sich hingegen in meinem Kopf breit? „Grübellöcher“. Meine Gefühle wurden in diesen neuen Ruhephasen sehr aktiv … wie du beschrieben hast, ich wusste nicht mal mehr das ich so viele Gefühle auf einmal in mir haben konnte. 🙂

    Zulassen – auseinandersetzen – handeln. Es dauerte seine Zeit aus dem ganzen System der Gesellschaft auszusteigen,
    endlich zu sehen das „keine Zeit zu haben“ super toll sein kann wenn man ein Mitspracherecht hat!

    In der Zwischenzeit LEBE ich und ich kann es richtig gut mal nichts zu tun und einfach nur schöne Momente, es gibt so viele davon,
    zu genießen! Ich bin ruhiger, gelassener und achtsamer geworden. Aber am meisten bin ich gut zu mir selbst – und das bedeutet Leben!

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel, der mich für einen kurzen Moment an die Vergangenheit erinnert hat. 🙂
    Liebe Grüße Sandra

    • Elisa Gratias 4 Monaten ago

      Liebe Sandra,

      das freut mich sehr, dass der Artikel dich berühren und an die Vergangenheit erinnern konnte. Es tut gut zu lesen, dass auch andere Menschen die Erfahrung des Grübelns vor dem Hochkommen der Gefühle machen. Das macht mir ab und zu noch immer sehr zu schaffen, aber ich möchte meine Freiheit und Zeit auch nicht wieder gegen das „Funktionieren“ und Ablenken durch einen vollgestopften Alltag eintauschen.

      Liebe Grüße an dich und weiterhin viel Lebendigkeit in deiner Zeit auf Erden,
      Elisa

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